Interview mit Dr. Axel Müller

02/07/2021

Beyond Business Interview mit Dr. Axel Müller

Er ist international erfahrener Pharma-Manager, aktuell Geschäftsführer des Branchenverbands Intergenerika und wurde in 2018 Schweizer Meister der Senioren im Tontaubenschiessen. Wie sich die beiden Seiten seiner Vita gegenseitig bereichern, erklärt Axel Müller exklusiv im Interview mit Schweiz Wirtschaft.

Gebe ich bei Google „Tontaubenschiessen Schweiz“ ein, erscheinen gerade mal 4'500 Einträge, bei „Golf Schweiz“ sind das 64 Millionen. Woran liegt es, dass Ihre Passion eine Randsportart in extremis ist?

Axel Müller: Golf ist ein Volkssport in der Schweiz geworden mit vielen öffentlich zugänglichen Plätzen. Ebenso gibt es sehr viele bekannte Supersportler wie Jack Nicklaus, Arnold Palmer oder Tiger Woods. Viele Fernsehkanäle übertragen Golf Turniere live. Obwohl die Tontaubendisziplinen «Skeet» und «Trap» olympisch sind, kennen nur wenige diese Sportart. Auch sind Weltklasse - Schützen in den Tontauben - Disziplinen «Jagdparcours» oder «Compak Sporting» wie George Digweed, John Bidwell oder Christophe Auvret hier wenig bekannt. Leider haben wir in der Schweiz viel zu wenig Tontauben-Schiessplätze, keinen aktuellen Schweizer Olympiateilnehmer und das lokale Fernsehen überträgt bislang keine Tontauben- Wettbewerbe. 

Ist Tontaubenschiessen nicht mehr Hobby als Sport, dem man auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffs zwischen zwei Drinks nachgeht? 

Axel Müller: Viele Menschen kennen wahrscheinlich tatsächlich das Tontauben- schiessen von Kreuzfahrten. Hierbei wird eine abgehende Wurfscheibe vom Heck des Schiffes mit einer Schrotflinte beschossen. Das Schiessen mit einer Flinte auf Tontauben, auch Wurfscheiben bzw. Wurftauben genannt, ist jedoch ein Hochleistungssport, der viel Training, mentale Stärke, ein gutes Auge und schnelles Reaktionsvermögen erfordert. Als ich zum ersten Mal zuschaute, mit welcher Geschwindigkeit und in welchen Flugbahnen und Entfernungen die Wurfscheiben geworfen werden, konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese überhaupt getroffen werden können. Die Kunst ist es, immer an den Ort zu schiessen, wo die Scheibe sein wird, wenn die Schrotgarbe zeitverzögert mit einer Geschwindigkeit von knapp 400 Metern pro Sekunde dort ankommt. Man schiesst also, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie auf die Scheibe direkt, sondern immer davor in den leeren Raum. Dies ist sehr anspruchsvoll bei den vielen möglichen Flugbahnen, Geschwindigkeiten, Winkeln und Entfernungen.

Sie waren schon Schweizer Meister der Senioren in einer Tontauben Disziplin und nehmen auch regelmässig an internationalen Wettkämpfen wie der Weltmeisterschaft teil? Müssen Sie dazu jeden Tag ein paar Stunden auf dem Schiessstand verbringen?

Axel Müller: Das wäre natürlich ideal, um sich in einem internationalen Teilnehmerfeld an einer Weltmeisterschaft im Vorderfeld zu platzieren. In meiner Disziplin «Jagdparcours» schiessen wir Amateure zusammen mit Profischützen im gleichen Wettbewerb, die natürlich täglich trainieren und von Sponsoren unterstützt werden. Diese Möglichkeiten haben wir in der Schweiz nicht. Erstens sind die wenigen Schiessstände nicht täglich geöffnet, zweitens ist unser Sport auch kostspielig, so kostet ein Schuss auf eine Wurfscheibe etwa einen halben Franken, und drittens ist es ja tatsächlich ein Hobby und nicht unser Beruf, von dem wir unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Die Schweiz ist nicht gerade das Eldorado für Tontaubenschützen. Wo hat der Sport seine Ursprünge und weshalb ist er in anderen Ländern weitaus populärer?

Axel Müller: Die Ursprünge kommen aus England und den USA. In einem Londoner Club wurde 1812 das erste Mal auf lebende Tauben geschossen. Diese waren unter Hüten der Gentlemen, später dann in Käfigen «traps», versteckt, an denen eine Kordel befestigt war. Auf den Befehl «Pull» wurde der Hut weggezogen bzw. der Käfig wurde geöffnet und die Taube (pigeon) flog davon und wurde mit der Flinte beschossen. Deshalb verwenden wir auch noch heute die Begriffe «Pull» und «pigeon» und «Trap». In den USA wurde der erste Tontaubenclub um 1830 in Cincinnati eröffnet. In 1921 wurde das Schiessen auf lebende Tauben verboten. Damit die englischen und amerikanischen Jäger aber trotzdem für die Fasanen- bzw. Entenjagdtrainieren konnten, wurden lebende Tauben durch Tontauben (clay pigeon) ersetzt. Diese Tradition wird beispielsweise in England und in den USA sehr gepflegt, wo Jungen und Mädchen sehr früh von ihren Eltern, meist Jäger, an diesen Sport herangeführt werden. Deshalb sind die Anglosachsen in diesem Sport führend. Aus dem blutrünstigen Vergnügen einiger englischen Gentlemen im 19. Jahrhundert wurde eine ethische, hoch professionelle Sportart.

Wie steht es um den Nachwuchs in der Schweiz – und wie lässt sich dieser gezielt fördern?

Axel Müller: Die Gruppe der aktiven Tontaubenschützen in der Schweiz ist überschaubar. Wir sind im Verband «Swiss Clay Shooting Federation (SCSF)» organisiert. Leider haben wir wenig Nachwuchsschützen. Ein Grund mag sein, dass es grössere Einstiegshürden gibt. Man braucht eine Sportwaffe, Zugang zu Schiessplätzen, kostspielige Munition und natürlich auch professionellen Unterricht. Da dieser Sport von Jägern ins Leben gerufen wurde, wäre es sinnvoll das Tontaubenschiessen Bestandteil der Jägerausbildung und der Jägerprüfung zu machen. Viele engagierte Jägerinnen und Jäger würden somit in Kontakt mit dieser Sportart kommen und könnten dadurch auch ihre Schiessfähigkeiten laufend verbessern. Unser Verband hat jetzt bei der olympischen Tontaubendisziplin «Trap» begonnen, die Nachwuchsarbeit zu verstärken.

Wie sieht ein typischer Tontaubenschiessen- Sponsor aus? In welcher Grössenordnung bewegen sich Sponsoring-Engagements?

Axel Müller: Typische Sponsoren sind die Hersteller von Flinten, Schrotmunition und Schiesszubehör. Zum Zubehör gehören Bekleidung, Schutzbrillen und Gehörschutzsysteme. Europäische Profischützen können nur schlecht vom Sponsoring leben. Sie erhalten lediglich regelmässig neue Sportflinten, ausreichend Munition zum Training und die Reisekostenübernahme zu Wettkämpfen. Viele geben daher nebenher noch Schiessunterricht oder unterhalten einen Tontauben- Schiessstand. In den USA ist die Situation anders. Profis können dort durchaus von ihrem Sport leben. Dort gibt es auch stattliche Preisgelder und Sponsorenbeiträge bei im Fernsehen übertragenen Wettkämpfen, die von der «National Sporting Clays Association (NSCA) ausgerichtet werden.

Sie spielen auch Golf. Gibt es Parallelen zwischen den beiden Sportarten? Misst man den Leistungsstand beim Tontaubenschiessen auch in einer Art Handicap?

Axel Müller: Es gibt tatsächlich viele Gemeinsamkeiten zwischen beiden Sportarten. Tontaubenschiessen wird daher oft auch als «Golf mit einer Flinte» bezeichnet. Wie im Golf haben auch wir eine so genannte «pre shot Routine», in der wir uns auf den Schuss mental vorbereiten. Des Weiteren darf man in einem Turnier den Golfschwung vor jedem Schlag nicht analytisch in 25 mechanische Einzelbewegungen zerlegen. Vielmehr muss man das Ziel anvisieren, sich mental den Flugverlauf vorstellen und dem eigenen Körper vertrauen, dass er den richtigen Schwung generiert. Genauso ist es beim Tontaubenschiessen. Wir müssen unseren Reflexen vertrauen, die signifikant schneller sind als unsere bewussten Gedanken. Wir sprechen hier von «Auge-Hand-Koordination. Wenn ich Ihnen Ihre Autoschlüssel zuwerfe, denken sie auch nicht, dass sie jetzt den rechten Arm Richtung Schlüssel bewegen, die Finger spreizen und nach einer Millisekunde diese wieder schliessen müssen. Sie schnappen die Schlüssel – und fertig.

Ein Handicap gibt es bei unserem Sport nicht. Wir teilen die Schützen jedoch in Altersklassen ein, um die Wettkämpfe fair gestalten zu können. So haben wir die Klassen: Damen, Junioren, Senioren, Veteranen und Super Veteranen.

Hauptberuflich leiten Sie Intergenerika, den Verband der Schweizer Generikahersteller. Was könnte der nationale Tontaubenschiessen- Verband tun, um den Sport aus dem Schattendasein zu führen?

Axel Müller: Wir Schweizer sind ein Volk von Schützen. Wir schiessen regelmässig mit der Kugel unser «Obligatorisches» oder unsere «Kränze». Leider ist der «Schrotschuss» mit der Flinte für viele weniger bekannt. Dies könnte man ändern, wenn auf unseren lokalen Schiessständen auch Tontaubenmaschinen aufgestellt würden. Jäger sollten sich in ihrer Ausbildung auch den Flintenschuss auf bewegliche Flugziele trainieren können. Ebenso müssen wir unsere jugendlichen Nachwuchsschützen für unseren Sport begeistern, fördern und unterstützen. Natürlich müssen wir für unseren Sport auch werben. Hier ist unser Verband gefordert. Auch ich möchte mich hier engagieren. Deshalb danke ich Ihnen sehr, dass ich unseren fantastischen Sport hier vorstellen durfte.

 

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